Herz276's Webseite

Neue Erkenntnisse aus der Hirnforschung und den Kognitionswissenschaften 

Warum ist Einsicht schwer zu vermitteln und schwer zu befolgen?   
 
Tagtglich versuchen wir, Mitmenschen von unseren Einsichten zu berzeugen und ihr Verhalten entsprechend zu ndern. Dies tun wir etwa als Partner in einer Beziehung, als Lehrer, als Vorgesetzte, als Therapeuten oder als Politiker. Dabei glauben wir in aller Regel, dass die von uns angestrebte Verhaltensnderung fr unsere Mitmenschen von Vorteil ist. Wir mchten, dass unser Partner unsere Vorschlge zur Verbesserung huslicher Verhltnisse annimmt, unsere Schler sich das dargebotene Wissen aneignen, unsere Mitarbeiter und die Brger unseres Landes die notwendigen Manahmen akzeptieren.
 
 
Hierbei erleben wir folgendes: Es gelingt uns oft nicht, eine Person von unseren Argumenten zu berzeugen, obwohl wir ihr Bestes wollen und unsere Argumente glasklar und unwiderlegbar sind. Es mag sogar passieren, da die Person uns zustimmt, die erwnschte Verhaltensnderung verspricht, aber nicht entsprechend handelt. Zur Rede gestellt, behauptet die Person entweder, sie tue doch genau das, was verlangt worden sei, oder es werden Erklrungen gegeben, die wir als reine Ausflchte ansehen. In aller Regel schreiben wir die Grnde fr unseren Misserfolg entweder der beschrnkten Einsichtsfhigkeit der Person, ihrem mangelnden guten Willen, ihrer Willensschwche, gelegentlich aber auch unserem Versagen beim Vermitteln von Einsicht zu.
 
 
Alle unsere Bemhungen, das Verhalten unserer Mitmenschen zu ndern, gehen traditionellerweise von zwei Grundvoraussetzungen aus: Die erste lautet, da Argumente, die schlssig sind und klar vorgetragen werden, beim Anderen zu Einsicht fhren mssen. Die zweite lautet, da eine von uns einmal gewonnene Einsicht mehr oder weniger automatisch zu entsprechendem Handeln fhrt.
 
 
Ich mchte im folgenden zeigen, dass beide Grundvoraussetzungen falsch sind. Ich gehe dabei von folgenden zwei Thesen aus:
Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Vorstellungs- und Argumentationswelt, hat seine eigene, private Logik, die von der Logik anderer durchaus sehr verschieden sein kann.
Menschen haben eine nur geringe Einsicht in die Grundstrukturen und tatschlichen Antriebe ihres Handelns. Die Rolle des sprachlich-bewuten Ich dabei wird hochgradig berschtzt.
 
 
Zur ersten These: Sprachliche Kommunikation wird gewhnlich angesehen als Austausch von bedeutungshaften Wrtern und Stzen. Wenn ich zu Ihnen spreche, so will ich nicht nur Schalldruckwellen bertragen, sondern Bedeutungen vermitteln. Entsprechend reden wir von Kommunikation als Informationsbertragung und nicht als Austausch von Schalldruckwellen oder - bei der schriftlichen Kommunikation - von Druckzeichen. Und doch ist genau letzteres der Fall, wenn Menschen miteinander kommunizieren. Wenn ich zu Ihnen spreche, so produziert mein Mund Serien von Schalldruckschwankungen, die an Ihr Ohr dringen und als solche keinerlei Bedeutung haben. Die Bedeutung dessen, was ich sage, wird ausschlielich in Ihrem Gehirn erzeugt; Bedeutung kann grundstzlich nicht bertragen werden. Die von mir erzeugten Schalldruckwellen werden in Ihrem Innenohr in neuronale Signale umgewandelt. Diese werden auf einer Reihe von Stationen des Gehirns analysiert, ohne da wir davon etwas merken, bevor sie in die Grohirnrinde dringen und schlielich bewusst werden.
 
 
Als erstes wird dabei festgestellt, da es sich bei den einlaufenden Lauten um menschliche Sprache handelt; dies geschieht aufgrund angeborener Fertigkeiten unseres Gehirns. Dann werden die Sprachlaute zu Silben gruppiert und diese zu Wrtern, denen in aller Regel aus dem Sprachgedchtnis automatisch bestimmte Bedeutungen zugewiesen werden. D. h. wenn wir ein uns gelufiges Wort wie ,,Bank" hren, wird gleichzeitig eine bestimmte Bedeutung, meist zusammen mit einer bildlichen Vorstellung, aufgerufen. Wrter werden dann zu Stzen zusammengefgt, und bei einfachen Stzen wie ,,Setz dich bitte auf diese Bank!" ergibt sich deren Bedeutung wiederum mehr oder weniger automatisch. Nur bei komplizierteren oder mehrdeutigen Stzen, deren Sinn sich erst aus dem Zusammenhang ergibt, dauert die Bedeutungszuweisung lnger. Wenn ich zum Beispiel sage: ,,Ich gehe jetzt zu meiner Bank", dann kann dieser Satz ganz verschiedene Bedeutungen haben, je nachdem, ob ich ein Schler im Klassenraum bin, ein Spaziergnger im Park oder ein Geschftsmann auf dem Weg zu einem Geldinstitut. Der wirkliche Sinn ergibt sich erst durch den Kontext.
 
 
Schalllaute, die als Sprachlaute, und Schriftzeichen, die als Buchstaben identifiziert wurden, werden anschlieend vom Gehirn als Wrter oder Stze im Sprachgedchtnis auf ihre mgliche Bedeutung berprft, und es wird diejenige Bedeutung aufgerufen, die im gegebenen Kontext die gelufigste und damit wahrscheinlichste ist. In dem Mae, in dem bei jedem Menschen das Sprachgedchtnis verschieden ist, d. h. fr bestimmte Worte und Stze unterschiedliche Kontexte enthlt, haben diese Worte und Stze unterschiedliche Bedeutung.
 
 
Das Sprachgedchtnis entwickelt sich zusammen mit der Sprache. Die ersten Worte werden im Durchschnitt im Alter von 12 Monaten produziert, zwischen 18 und 23 Monaten beginnen Kinder Wrter zusammenzusetzen, und erst im Laufe des dritten Jahres beginnt sich eine grammatikalische Sprache zu entwickeln. Der Spracherwerb ist eingebettet in eine vorsprachliche Kommunikation mit der unmittelbaren menschlichen Umwelt, meist der Mutter. Kinder lernen die Bedeutung von Wrtern kontextabhngig, d. h. indem sie diese Bedeutung nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum aus dem Handlungs- und Kommunikationserfolg ableiten. Dies geschieht bei Kleinkindern auerordentlich schnell und nahezu mhelos es scheint im menschlichen Gehirn einen ganz spezifischen Apparat fr das Erlernen der Muttersprache und von Wortbedeutungen zu geben, ganz im Gegensatz zum Erlernen von Zweitsprachen.
 
 
Dieser Prozess der Erzeugung von Sprachbedeutung ist eingebettet in einen viel greren Prozess der Erzeugung von Verhaltensbedeutung. Dieser Proze der Erzeugung von Verhaltensbedeutung wird vom limbischen System geleistet, ber das noch weiter zu reden sein wird. Er beginnt bereits im Mutterleib und setzt sich nach der Geburt bruchlos fort und bewertet alles, was das Kind aufgrund der Befehle seines Gehirns tut, danach, ob die Folgen angenehm bzw. lustvoll sind und wiederholt werden sollten oder unangenehm bzw. schmerzhaft und deshalb vermieden werden sollten. Die Konsequenz eines jeden Verhaltens wird parallel im Tatsachengedchtnis und im emotionalen Gedchtnis abgespeichert und wieder aufgerufen, sobald dieselbe oder eine hnliche Situation wieder auftritt. Diese Verhaltensbewertung geschieht bei allem, was wir unser Leben lang tun, hat aber die strksten Auswirkungen in den ersten Lebenstagen, -wochen und -monaten, wenn der Sugling bzw. das Kleinkind die ersten Erfahrungen mit sich und seiner belebten und unbelebten Umwelt macht.
 
 
Es entsteht, zusammen mit genetisch bedingten (,,angeborenen") Merkmalen, dabei das, was man Charakter und Persnlichkeit nennt und die Grundzge unseres Umgangs mit uns und der Welt bestimmt: Ob wir motorisch eher ruhig oder unruhig sind, neugierig oder zurckhaltend, eher Vertrauen in uns haben oder eher an unseren Fhigkeiten zweifeln, ob wir ausdauernd sind oder schnell aufgeben, eher kreativ oder eher reproduktiv, ungeduldig oder geduldig usw. Gleichgltig, was daran nun wirklich genetisch fixiert und was frhkindlich geprgt ist (das ist experimentell schwierig zu unterscheiden), - diese Grundstrukturen zeigen sich sehr frh, lange bevor sich mit rund zweieinhalb Jahren Ich-Bewutsein und komplexe Sprache zu entwickeln beginnen, und sie sind sehr resistent gegen sptere Erziehungsversuche, wie alle Eltern wissen. Dies heit: Der Mensch ist in seiner Persnlichkeitsstruktur weitgehend festgelegt, bevor sein bewutes Ich sich entwickelt; dieses Ich wird sozusagen in eine Persnlichkeit hineingestellt.
 
 
Zwei weitere Dinge sind besonders wichtig: Erstens entwickeln sich die vorsprachlich-unbewute und spter die sprachlich-bewute Persnlichkeit in selbstverstrkender Weise. Dies heit: Jede neue Situation wird im Lichte der vergangenen Erfahrung bewertet, und das Ergebnis wird zur alten Erfahrung hinzugefgt. Es wird dabei dasjenige bevorzugt angeeignet, was in das Vorhandene gut hineinpat, und das Nichtpassende wird so lange passend gemacht, wie es irgend geht. Das Bewertungssystem will Selbstbesttigung, will emotionalen Frieden, und nur bei sehr starker Diskrepanz verndert sich das bestehende Bewertungs-Schema. Der Grad mglicher Vernderung nimmt mit zunehmendem Alter rapide ab, und es bedarf dann dramatischer Lebenskrisen, wenn es im Erwachsenenalter noch zu greren Vernderungen kommen soll.
 
 
Wir knnen uns den Zwang zum Passendmachen, zur Selbststabilisierung unseres limbischen Antriebssystems nicht stark genug vorstellen. Diese Tendenz zum Passendmachen kann in den Augen des Anderen den Eindruck krasser Selbsttuschungen und Realittsverbiegungen erzeugen. Was der eine fr sonnenklar hlt, weil es mit seinen privaten Erfahrungen bereinstimmt, kann fr den anderen barer Unsinn sein, weil er eben durch andere Erfahrungen bestimmt ist. Dies ist der Grund dafr, da es hufig nicht gelingt, Einsichten zu vermitteln, denn diese sind weithin private Einsichten, auch wenn jeder sie fr allgemeingltig hlt. Wenn ich meine Argumente vorbringe, so reie ich sie aus dem in mir herrschenden Kontext heraus, in dem sie maximalen Sinn machen, und sie dringen bei meinem Gesprchspartner in einen wahrscheinlich ganz anderen Kontext, in dem sie keinen oder einen anderen Sinn machen. Unsere Umgangssprache hat hierfr viele Bilder: Irgend etwas fllt beim Anderen nicht auf fruchtbaren Boden, bringt nichts zum Klingen. In der Tat mu man sich diesen Vorgang als eine Art Resonanz vorstellen, wie eine Glasscheibe, die bei einem bestimmten Ton zu klirren beginnt, bei anderen Tnen nicht.
 
 
Daraus folgt: Ich kann zwar erzwingen, da mein Partner mich physisch hrt, aber ich habe keine Macht ber die Bedeutungen, die sein Gehirn meinen Lautuerungen zuordnet. Noch mehr: Auch mein Partner hat bewut keine Macht hierber, denn die Bedeutungszuweisung geschieht weitgehend vorbewut und automatisiert. Wissen und Einsicht knnen nicht vermittelt werden, sie mssen in jedem Gehirn neu geschaffen werden.
 
 
Kommunikation ist daher zu verstehen als wechselseitige Konstruktion von Bedeutung zwischen zwei oder mehr Partnern. Sie funktioniert in dem Mae, in dem in den Gehirnen der Partner dieselben oder hnliche Erfahrungskontexte, konsensuelle Bereiche - wie sie genannt werden - vorherrschen. In diese konsensuellen Bereiche hinein geraten die ausgetauschten Kommunikationssignale. Der grundlegende konsensuelle Bereich ist dadurch vorgegeben, da wir Menschen sind und nicht nur menschliche Sprachlaute, sondern viele Aspekte der Mimik, der Gestik, des sprachlichen Duktus bis hin zu Handlungen und Gebruchen intuitiv verstehen, whrend wir uns selbst bei unseren nchsten Verwandten, den Affen, hinsichtlich deren Mimik und Gestik hufig fundamental irren. Der nchste konsensuelle Bereich wird dadurch konstituiert, da wir in eine bestimmte Gesellschaft hinein geboren werden und bestimmte Denk-, Sprach- und Verhaltensschemata sich tief in uns hinein graben, ohne da wir uns bewut Rechenschaft darber abgeben. Der dritte konsensuelle Bereich wird geschaffen durch die gemeinsame Erziehung, das Aufwachsen in einer bestimmten sozialen Umgebung, eine gemeinsame Ausbildung in Schule und Beruf. Der vierte schlielich entsteht dadurch, da man aufbauend auf den drei anderen mehr oder weniger identische individuelle Lebenserfahrungen macht. Dies ist selbst bei eineiigen Zwillingen nur selten der Fall, und bei allen anderen Personen berlappen sich der zweite und dritte konsensuelle Bereich nur teilweise, und die individuelle Lebenserfahrung ist hufig radikal verschieden, auch wenn die ueren Umstnde dieselben sind, wie es bei lebenslangen Partnern der Fall ist. Hier gilt nicht nur: Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe, sondern auch: Wenn zwei dasselbe erleben, ist es berhaupt nicht dasselbe.
 
 
Die gemeinsame Sprache tuscht uns allerdings dabei, sie berdeckt meist die tiefgreifenden Unterschiede in der privaten Lebenserfahrung. In der Erklrung unseres eigenen Handelns gebrauchen wir die Formulierungen, von denen wir gelernt haben, da unsere Umwelt sie in aller Regel als Handlungserklrungen akzeptiert. Die gesellschaftlich vermittelte Sprache gaukelt uns vor, es gbe eine berindividuelle Argumentationsebene, eine universelle Logik der Kommunikation. Diese gibt es nur dort, wo es um abstraktes Wissen, nicht aber dort, wo es um Handeln geht. Miverstehen ist deshalb das Normale, Verstehen die Ausnahme. Wir werden mit dieser Tatsache nur deshalb nicht stndig konfrontiert, weil wir unseren Anspruch an Verstehen variabel halten: Mit dem Fahrkartenverkufer ist Verstehen leicht hergestellt, mit dem Kollegen, Vorgesetzten oder Mitarbeiter ist das schon schwieriger, weil hier in aller Regel bewut und erst recht unbewut unterschiedliche Zielvorstellungen vorliegen, und am schwierigsten ist es mit dem Lebenspartner, mit dem es am leichtesten sein sollte. Die vielbedauerte Tatsache, da Lebenspartner sich letztlich fremd sind, ist eine natrliche Konsequenz aus der anderen Tatsache, da Menschen sehr frh in ihren persnlichen Grundstrukturen festgelegt sind, und da jahrzehntelanges Sprechen und Umgehen miteinander daran in aller Regel nichts ndern.
 
 
Der gute Ehepartner, Pdagoge, Vorgesetzte und Politiker wird deshalb von dem Grundsatz ausgehen, da das, was er sagt, im anderen aller Wahrscheinlichkeit nach eine andere Bedeutung als die von ihm intendierte erzeugt. Was er dann tun kann, ist, durch weiteres Reden und Handeln wie mit einer Sonde versuchen herauszubekommen, wie der Bedeutungskontext des Anderen aussehen knnte, und sich dann darauf einrichten. Allerdings ist dies nur begrenzt mglich, letztlich kann niemand seine private Weltsicht verlassen, und in aller Regel wird der gute Menschenkenner die Mglichkeiten der Einsichtsvermittlung gering einschtzen. Falls man nicht schon zuvor ,,auf der gleichen Wellenlnge" liegt, d. h. bereits weithin berlappende konsensuelle Bereiche hat, dann ist der eindringliche Appell an die Einsicht ebenso verfehlt wie die lautstarke Aufforderung: ,,Nimm endlich Vernunft an" , denn hier wre zu fragen: ,,Welche Vernunft? Deine oder meine?"
 
 
Kommen wir nun zu dem Fall, da jemand uns zustimmt und verspricht, sein Handeln genau nach unseren Forderungen zu richten, es dann aber nicht tut. Um den Fall noch klarer zu machen, gehen wir davon aus, da wir der Partner sind und uns zu einer bestimmten Einsicht durchgerungen haben: Du mut Dein Leben ndern! Warum wird in den meisten Fllen nichts daraus?
 
 
Um diese Frage zu beantworten, mssen wir uns kurz mit der Grundstruktur der bewuten Verhaltenssteuerung in unserem Gehirn befassen. Die Alltagsauffassung lautet, da in mir eine bestimmte Absicht, etwas zu tun, entsteht, die dann den motorischen Zentren in unserem Gehirn zur Ausfhrung mitgeteilt wird: Der Wille wird so in die Tat umgesetzt. Ein kurzes Nachdenken zeigt aber, da dies fr das meiste von dem, was wir tagtglich tun, gar nicht zutrifft, denn ihm geht gar kein Willensakt, keine explizite Planung voraus. Das meiste tun wir, ohne da wir es vorher gewollt haben, und haben dabei das Gefhl, es auch zu wollen. Weder beim Ergreifen einer Kaffeetasse, noch beim Bewegen der Lippen beim Sprechen, noch beim Spazierengehen fhren wir stndig Willensakte und Planungen aus; das wre auch furchtbar zeitraubend. Vielmehr haben wir das begleitende Gefhl: Ich bin es, der das tut! Wenn wir mit unseren Gedanken ,,weit weg" sind, dann tun wir das, was fr uns das am meisten Gewohnte ist (dies mag zu kuriosen Gegebenheiten fhren). Nur wenn etwas getan werden soll, das nicht Routine ist und mit irgendeiner Art inneren oder ueren Widerstandes verbunden ist, dann brauchen wir eine explizite Planung und einen ausdrcklichen Willensakt, und die Willensanstrengung ist um so strker, je grer der Widerstand ist. Umgekehrt fhrt ein Willensakt nicht automatisch zu einer Handlung. An einem kalten Wintermorgen (um ein berhmtes Beispiel aus der Psychologie zu gebrauchen) klingelt frh - zu frh! - der Wecker, und wir fassen den heroischen Plan, aufzustehen. Dieser Vorsatz ist notwendig, um den Widerstand zu berwinden, der von unserem noch mden Krper erzeugt wird. Aber nichts geschieht: Wir bleiben im Bett liegen. Erst ein spterer Blick auf die Uhr lt uns ohne jeden expliziten Willensakt entsetzt aus dem Bett springen.
 
 
Ein Willensentschlu, eine feste Absicht sind - wie wir gehrt haben - notwendig, um innere oder uere Hindernisse zu berwinden, aber sie sind nicht hinreichend zur Ausfhrung einer Handlung. Unser Stirnhirn, der prfrontale Cortex, ist der Ort der Absichten und Planungen. Was dort geplant wird, luft nicht direkt zur motorischen Hirnrinde und wird dann ausgefhrt. Vielmehr wird es zuerst aus der Hirnrinde heraus ins Unbewute zu den Basalganglien geschickt. Die Basalganglien (Corpus striatum, Globus pallidus, Substantia nigra, Nucleus subthalamicus) sind der wichtigste Ort unbewuter Handlungsentscheidungen, denn sie sind entweder selbst Speicher aller unbewuten Handlungserfahrungen, die seit dem Mutterleib gesammelt wurden, oder haben Zugriff zu solchen Erfahrungen. Mit den Basalganglien verbunden sind nmlich andere Teile des limbischen Systems, die fr das emotionale Gedchtnis zustndig sind. Diese emotionale Gedchtnis ist unterteilt in positive Erfahrungen (diese ,,sitzen" im sog. ventralen tegmentalen Areal und im Nucleus accumbens) und in negative Erfahrungen (diese sind in der Amygdala, dem Mandelkern, lokalisiert). In den Basalkernen wird nun geprft, ob dasjenige, was bewut beabsichtigt ist, im Lichte der gesamten bisherigen positiven und negativen Erfahrungen auch wirklich so und nicht anders getan werden soll. Hierzu wird kurzfristig das emotionale Gedchtnis befragt. Heit die Antwort ,,ja", so wird ber eine Umschaltstation im Zwischenhirn dieses Ja-Wort der Grohirnrinde mitgeteilt, und die beabsichtigte Handlung wird ausgefhrt. Wenn die Antwort ,,nein" heit, dann unterbleibt die Handlung, weil die Grohirnrinde nicht hinreichend aktiviert wird, oder es wird etwas anderes getan, und zwar in der Regel das, was fr das Erfahrungsgedchtnis das Nchstliegende, Gewohnte ist. Die ,,Letztabfrage" durch die Basalganglien geschieht innerhalb etwa einer Sekunde, bevor wir eine Handlung tun, die wir beabsichtigt haben, und es geschieht vllig unbewut. Erst wenn die Grohirnrinde ber das Zwischenhirn die Zustimmung der Basalganglien und des emotionalen Gehirns erhalten hat, dann ,,wollen" wir die Handlung, die wir tun. Neueste psychologische Forschungen besttigen das, was ltere Untersuchungen bereits behaupteten: Das Gefhl, etwas zu wollen, kommt erst, nachdem das limbische System schon lngst entschieden hat, was getan werden soll. Die Quintessenz ist, da dieses System die letzte Entscheidung darber hat, ob wir etwas tun oder nicht, und zwar aufgrund unserer gesamten, unbewut vorliegenden Handlungserfahrung, die in ihm lokalisiert ist bzw. von ihm abgerufen wird.
 
 
Dies stimmt nun berhaupt nicht mit unserem subjektiven Erleben berein. Wir haben doch das Gefhl, da wir frei planen knnen und da wir das, was wir dann tun, auch so gewollt haben! Von letzterem haben wir gerade gehrt, da es sich um eine Illusion handelt. Was ist aber mit dem freien Planen?
 
 
Sehen wir uns den Aufbau des menschlichen Gehirns noch einmal genauer an: Nachdenken ber sich und die Welt, Phantasie, Planen, eine syntaktische Sprache, aber auch Moral- und Wertvorstellungen, also alles, was Menschen zum Menschen macht, ist mit der Aktivitt des Stirnhirns, des prfrontalen Cortex verbunden. Das Stirnhirn wird mit einigem Recht als das hchste Hirnzentrum angesehen, als der Sitz von Vernunft und Verstand. Gleichzeitig ist es derjenige Teil unserer Grohirnrinde, der am strksten vom limbischen System beeinflut wird. Was uns als Gedanken und Wnsche, als Absicht, als Plan in den Sinn kommt, wird uns weitgehend vom limbischen System eingegeben, und zwar ber eine bestimmte Umschaltstation, die man mediodorsalen thalamischen Kern nennt. Dieser Kern ist in bestimmter Weise aktiv, bevor uns bestimmte Gedanken, Wnsche und Plne kommen. Interessanterweise will das Stirnhirn von dieser Abhngigkeit nichts wissen, so als handle es sich um etwas Unanstndiges, und tut so, als kmen diese Eingebungen von nirgendwo her. Wir sagen deshalb: ,,Da fllt mir ein...", ,,Mir kommt in den Sinn...", ,,Pltzlich denke ich..." usw.
 
 
Die Erklrung hierfr ist folgende: Zum einen ist uns nur das bewut, was in der Grohirnrinde abluft; alles noch so Komplizierte, das in anderen Teilen des Gehirns abluft, ist uns bewutseinsmig prinzipiell unzugnglich. Zum anderen sind die Bahnen, die von den unbewuten Zentren zur bewutseinsfhigen Grohirnrinde fhren, viel strker ausgeprgt als die Bahnen in umgekehrter Richtung. Bewute Vorgnge werden daher stark vom unbewuten, limbischen System beeinflut, haben aber selbst nur geringe Einwirkungsmglichkeiten zurck. Das Bewutsein kann deshalb auch nicht herausbekommen, woher Gedanken, Gefhle und Antriebe kommen, und nimmt flschlich an, da sie von ihm selbst stammen oder ,,aus heiterem Himmel". Gleichzeitig stellt unser Bewutsein fest, da das Gehirn und unser Krper etwas tun, und hlt sich ebenso flschlich fr den wahren Verursacher.
 
 
Diese vertrackte Situation fhrt auch dazu, da unser Bewutsein unser Handeln erklren mu, denn es hlt sich ja fr dessen Verursacher, ohne wirklichen Zugang zu den wahren Vorgngen zu haben, so wie ein Pressesprecher die Aktionen einer Regierung erklren und verteidigen mu, ohne genau zu wissen, wie diese zustande gekommen sind. Da zwischen dem Tun eines Menschen und dem, wie er dieses Tun in aufrichtigster Weise beschreibt und erklrt, Welten liegen knnen, ist jedem von uns bekannt; die Hirnforschung kann zumindest teilweise erklren, warum dies so ist.
 
 
Der Mensch ist in seinem scheinbar freien Denken und Wollen weithin unter Kontrolle des unbewuten limbischen Systems. Dieses System ist keineswegs der Pfuhl aller schlimmen Antriebe und Begierden, wie es manche psychoanalytischen Konzepte meinen, sondern etwas auerordentlich Ntzliches, nmlich der Ort der gesamten individuellen Handlungserfahrung, die ein Gehirn seit dem Mutterleib gesammelt hat. Die Kontrolle durch das limbische System sorgt dafr, da unser Denken und Wollen - wenn irgend mglich - im Rahmen dieser Gesamterfahrung stattfindet. Das limbische System bt also eine doppelte Kontrolle ber uns aus, ohne da wir davon etwas merken. Wir glauben - von Ausnahmen abgesehen -, frei in unserem Denken und Wollen zu sein, und wir glauben, das zu tun, was wir gedacht und gewollt haben.
 
 
Bewutes Planen und Problemlsen sind dann auerordentlich wichtig, wenn es um neuartige und komplizierte Probleme geht, und hufig befolgt ja das restliche Gehirn den Ratschlag des Stirnhirns. Das limbische System legt immer dann ein Veto ein, wenn die vom Bewutsein vorgeschlagene Lsung zwar im Augenblick vernnftig erscheint, aber frheren Erfahrungen widerspricht oder emotional nicht ertrglich ist. Emotionales Gleichgewicht ist dasjenige, dem in uns alles andere geopfert wird. Dies ist genau dann der Fall, wenn ich auf vernnftigem Wege eine Einsicht gewonnen habe, sie aber nicht in die Tat umsetze. Ich begreife beispielsweise endlich, da ich zu meinem Vorgesetzten marschieren und auf den Tisch hauen mu, um ein hheres Gehalt oder eine Befrderung zu erreichen. Oder mir wird klar, da ich eine ausweglose Beziehung sofort beenden mu. Mein emotionales Gedchtnis legt jedoch ein entschiedenes Veto ein, so da das konsequente Handeln unterbleibt. Das Gedchtnis stellt fest, da in der Vergangenheit hnliche Handlungen Folgen hatten, die uns emotional vllig aus dem Gleichgewicht bringen knnen. Unser Verstand mag weit reichen, unsere Gefhle leben meist in der Gegenwart; deshalb hilft es meist nur wenig sich zu sagen: Das mut du durchstehen, dann wirds besser. Erst wenn der Leidensdruck jede Furcht vor unangenehmen Situationen berwiegt, mag die Einsicht zum Zuge kommen. Meist aber ergibt sich eine Lsung solcher Konflikte in der Weise, da emotionale Auswege sich auftun, etwa bei der Berufskarriere ein anderes Stellenangebot, eine Ersatzbelohnung, bei Liebesschmerz eine neue Beziehung. Es sind in aller Regel nicht Verstand und Einsicht, sondern andere Gefhlskonstellationen, die unser Verhalten ndern.
 
 
Fragen wir zum Schlu also noch einmal ,,Warum ist es so schwer, Einsichten zu vermitteln?" Die Antwort darauf lautet: Was fr mich einsichtig ist, ist es fr den anderen noch lange nicht. Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt der Grnde und Rechtfertigungen, die sich erheblich von der Welt des anderen unterscheiden kann. Gleichzeitig unterschtzen wir in aller Regel diese Unterschiede, indem wir uns dem Irrtum hingeben, allein schon mit unseren Worten knnten wir bestimmte Bedeutungen und Zielsetzungen vermitteln. Was man dagegen tun kann, ist die Denk- und Handlungslogik des anderen durch Versuch und Irrtum herauszubekommen und sie sich irgendwie zunutze zu machen. Wenig Sinn hat es, ihn nach seinen Denk- und Handlungsgrnden zu fragen; im Zweifelsfall kennt er sie selber nicht. Dies stimmt mit der Alltagsweisheit berein, da ein guter Menschenkenner einen anderen besser kennt als dieser sich selbst, denn er schaut auf dessen Handeln.
 
 
Die Antwort auf die zweite Frage: ,,Warum ist Einsicht schwer zu befolgen?" ergibt sich aus eben der Tatsache, da die Ebene des Sprachlich-Logisch-Bewuten wenig Einflumglichkeiten auf die Instanzen in unserem Gehirn hat, die letztlich unser Handeln bestimmen. Diese Instanzen bilden sich sehr frh in unserem Leben aus und legen weithin den Rahmen fest, in dem sich unser Ich spter entwickelt. Die Tatsache, da wir ber uns reden und nachdenken knnen, tuscht uns darber hinweg, da unser bewutes Ich nicht der groe Bo, sondern ein Instrument, ein Hilfsprogramm unseres Gehirns zum Problemlsen und zur Handlungssteuerung ist. Die letzten Entscheidungen besorgen andere Instanzen in unserem Gehirn. Bewut gewonnene Einsichten werden dann befolgt, wenn sie im Einklang mit allen bisherigen Erfahrungen und den sich daraus ergebenden Erwartungen stehen, die im limbischen System verankert sind.
 
 
Ich nehme nicht an, da ich Ihnen in der Problemschilderung irgend etwas Neues vermittelt habe, denn es ging um ganz alltgliche Probleme. Vielmehr wollte ich Ihnen aufzeigen, da diese Probleme und die Schwierigkeiten, sie zu bewltigen, aus der Grundorganisation unseres menschlichen Kommunikations- und Handlungssteuerungssystems resultieren und nicht, oder zumindest meist nicht, aus bsem Willen oder Mangel an Kooperationsbereitschaft. Ich hoffe, Sie haben heute Abend nicht eine Rezeptsammlung fr den besseren Umgang mit Ehepartnern, Mitarbeitern und Vorgesetzten gleich morgen frh (oder noch heute Abend) erwartet. Ich denke aber, da sich aus den von mir sehr skizzenhaft vorgetragenen Zusammenhngen eine Theorie ber Einsichtsvermittlung und Verhaltensnderung entwickeln lt, die groe Relevanz fr die Praxis haben knnte.
INTERVIEW

Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth, Hanse-Wissenschaftskolleg Delmenhorst
Vortrag am 25. Januar 2000 im Niederschsischen Landtag



Datenschutzerklärung
Kostenlose Homepage erstellen bei Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!